Philipp’s Travel Blog
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↑ Etappe von „USA — Auslandssemester in Boulder"
Chicago zu Weihnachten - Drive Home

Chicago zu Weihnachten Drive Home

Zu Weihnachten bei Anthonys Familie eingeladen und mit Anthony, Josh und Hamish die rund 1.500 km von Boulder nach Chicago gefahren - quer durch die Northern Plains und den Midwest. Chicago zu Weihnachten hatte ein eigenes Leuchten: Christkindlmarkt am Daley Plaza, Eislaufen im Nebel, riesige Suburb-Häuser und ein tiefer Einblick in ein echtes amerikanisches Familienweihnachten mit White Elephant, NFL und sehr viel Gastfreundschaft.

I'm driving home for Christmas."
  1. 1.500 km Drive von Boulder nach Chicago
  2. Iowa 80 - The World's Largest Truckstop
  3. Taylor-Swift-Weihnachtshaus in Naperville
  4. White Elephant und Bozo Buckets an Weihnachten
  5. Christkindlmarkt, Deep Dish und Eislaufen in Chicago
1 Ort · Route: Auto + Flug

Das Semester in Colorado neigte sich dem Ende zu. Am 20. Dezember waren wir noch ein letztes Mal in Eldora beim Skifahren. Die meisten Studis hatten bereits keine Verpflichtungen mehr, waren aber noch nicht abgereist. Wir kosteten diese sorgenfreie Zeit natürlich in vollen Zügen aus. Doch das eigentliche Abenteuer begann am nächsten Tag.

“I’m driving home for Christmas” passte als Motto perfekt - warm gemeint, nicht ironisch. Bis dahin war ich im Auslandssemester viel auf eigene Faust unterwegs gewesen; natürlich hatte ich Freunde, aber viele Internationals verbrachten Weihnachten irgendwo in Hostels oder auf Reisen. Ich dagegen durfte für ein paar Tage in das Zuhause einer anderen Familie hinein. Dieser Trip war deshalb wahrscheinlich einer der tiefsten und authentischsten Einblicke in amerikanisches Leben, die ich im ganzen Semester hatte.

The longest drive ever

Am 21. Dezember hieß es früh aufstehen: Um 7 Uhr morgens brachen wir auf. Anthony wollte Weihnachten bei seiner Familie in Chicago verbringen, hatte Josh eingeladen, und Josh fragte wiederum mich, ob ich mitkommen wollte. Hamish war ebenfalls mit an Bord - weniger als Weihnachtsteilnehmer, mehr als Mitfahrer Richtung Osten, weil er von dort aus über Neujahr weiter nach Miami oder New York reisen wollte.

Es lag die wohl größte Strecke vor uns, die ich je an einem Stück im Auto zurückgelegt habe: rund 1.500 Kilometer von Boulder nach Chicago, für die wir knapp 15 Stunden brauchten. Anthony drückte glücklicherweise ordentlich aufs Gaspedal und zog die Fahrt im Alleingang durch. Das erste, was mich auf der Fahrt beeindruckte, war die Landschaftsveränderung. Sobald man Colorado in Richtung Osten verlässt, verschwindet das alpine Colorado fast schlagartig. Es wird flach, trocken und baumlos: goldenes Stroh, ganz leichte Hügel und ansonsten sehr viel Nichts. Diese Leere war nicht spektakulär im klassischen Sinn, aber sie machte die Größe der USA körperlich spürbar.

The World’s Largest Truckstop

Irgendwann in Iowa tauchte das erste und einzige Highlight der Fahrt am Horizont auf: Iowa 80 in Walcott, laut Eigenbezeichnung der “World’s Largest Truckstop”. Ich wusste zunächst gar nicht, was mich erwartet - war es eine riesige Tankstelle oder eine Mall? Es war irgendwie beides. Im Inneren stand sogar ein kompletter Truck ausgestellt. Mit hunderten Lkw-Stellplätzen, Restaurants, Shops und Services wirkt der Ort eher wie eine eigene kleine Infrastrukturstadt für Langstreckenfahrer. Ein extrem amerikanisches Erlebnis, so etwas kennt man in Europa schlichtweg nicht.

Nachdem wir die endlosen Weiten des Mittleren Westens hinter uns gelassen hatten, kamen wir in Illinois an. Wir ließen Hamish raus, der in der Gegend Kontakte hatte, und steuerten auf dem Weg zu Anthonys Zuhause noch eine besondere Sehenswürdigkeit an: das Taylor-Swift-Weihnachtshaus in Naperville, bekannt als “The Christmas House (Taylor’s Version)”. Es war mein erster richtiger Vorgeschmack auf amerikanischen Weihnachtskitsch. Der Fantasie und dem Stromverbrauch scheinen hier wirklich keine Grenzen gesetzt zu sein.

Als wir schließlich bei Anthony in Arlington Heights ankamen, wurden wir von seiner Mom super herzlich empfangen. Bei ihr fühlte ich mich eigentlich von Anfang an aufgenommen: nicht steif, nicht übertrieben offiziell, sondern warm, ungezwungen und gemütlich. Auch im Haus wurde nicht mit Weihnachtsdeko gespart. In dem Schlafzimmer im Keller, in dem ich untergebracht wurde, stand ein riesiger Nussknacker ein eigener, bunt geschmückter Weihnachtsbaum und noch vieles mehr. Alles war extrem verziert, aber ich fand es total gemütlich. Mein Zimmer hatte sogar einen kleinen Kamin.

Chicago Vibes & scharfes Essen

Am 22. Dezember stand ein Besuch in einer nahegelegenen Mall auf dem Programm. Dort ließen wir uns auf eine ziemlich dumme Idee ein: einen Schärfe-Contest. Bevor wir teilnehmen durften, mussten wir sogar einen Haftungsausschluss unterschreiben. Es war die größte Schärfe, die ich jemals in meinem Leben gespürt habe. Es hat auf der Zunge förmlich gebrannt wie Feuer.

Etwas milder ging es danach bei Portillo’s zu. Anthony ist ein großer Fan dieser Chicagoer Kette, und ich verstand schnell warum: Hot Dogs, Italian Beef, Fries, dieses ganze regionale Fast-Food-Universum. Es war nicht fein, aber lecker und sehr Chicago.

Am späten Nachmittag fuhren wir nach Downtown Chicago. Die Stadt war wunderschön weihnachtlich dekoriert. Wir besuchten den Christkindlmarket am Daley Plaza, der sich bewusst an deutschen Weihnachtsmärkten orientiert. Mit Glühwein und deutschem Bier fühlte es sich für einen kurzen Moment fast wie Heimat an - nur eben zwischen Hochhäusern.

Am Abend zogen wir noch durchs Nachtleben. Wir landeten in einem Karaoke-Club. Nach zwei Stunden Wartezeit waren wir endlich an der Reihe und performten “We Found Love” von Rihanna aus voller Brust.

Deep Dish & Ice Skating

Der 23. Dezember startete kulinarisch zünftig mit der berühmten Chicago Deep Dish Pizza - ein Erlebnis, das mehr Ähnlichkeit mit einer Torte als mit einer italienischen Pizza hat.

Anschließend waren wir wieder in Downtown. Das Wetter hatte umgeschlagen und es war richtig neblig. Das gab der Stadt einen unglaublich coolen, mystischen Vibe. Wir trafen Russell, den Mitbewohner von Yannick, und gingen zusammen am Millennium Park Schlittschuh laufen. Eishockey ist hier ein riesiges Ding und alle Amerikaner in der Gruppe stellten sich extrem gut auf den Kufen an - nur ich fühlte mich etwas unbeholfen. Josh bekam von dem Abend in der Stadt nicht genug und blieb später noch länger dort, während der Rest von uns schon zurück in die Suburbs fuhr.

Ein amerikanisches Weihnachten

Der 24. Dezember startete mit einem fantastischen, reichhaltigen Frühstück bei Anthonys Mom. Am Abend fuhren wir zur restlichen Familie mütterlicherseits. Es gab tolles Essen und für mich als Deutschen ungewohnt viele Spiele.

Das bekannteste Spiel des Abends war “White Elephant”, auch als Dirty Santa oder Schrottwichteln bekannt. Jeder brachte ein komplett verdeckt eingepacktes Geschenk mit. Die Spannweite reichte von skurrilen Dingen wie einem Blumentopferde bis hin zu echt nützlichen Sachen. Nacheinander durfte sich jeder ein Geschenk aus der Mitte nehmen - oder alternativ das bereits ausgepackte Geschenk eines anderen klauen. Das Ganze war sehr interaktiv und lustig.

Was mich an diesem Abend fast noch mehr faszinierte als die Spiele, waren die Häuser. Ich bin in Deutschland in einem Reihenhaus mit kleinem Garten aufgewachsen, wo alles enger, dichter und platzsparender ist. In den Chicagoer Suburbs stand plötzlich ein einzelnes Haus auf einem großen Grundstück, mit vielen Zimmern, ausgebautem Basement und gewaltiger Garage. Im Ballungsraum München wäre so viel Platz ein Zeichen von absoluter Oberschicht. Dort wirkte es eher wie normale amerikanische Mittelschicht. Das vermittelte mir ein völlig anderes Lebensgefühl.

Am Morgen des 25. Dezembers - dem eigentlichen amerikanischen Feiertag - gab es die Bescherung bei Anthonys Vater. Nachmittags klapperten wir weitere Teile der Familie ab. Für mich ungewohnt: Den ganzen Nachmittag lief der Fernseher und viele schauten Football. An diesem Christmas Day gewannen die Las Vegas Raiders 20:14 gegen die Kansas City Chiefs. Ein kleiner Kulturschock: Weihnachten war hier nicht nur Kerzenlicht und Essen, sondern auch NFL als selbstverständlicher Teil des Familienrituals.

Natürlich durften auch an diesem Tag die Spiele nicht fehlen. Unter anderem spielten wir das aus Chicago bekannte Bozo-TV-Spiel, bei dem man Bälle in Eimer werfen muss, um Preise oder Geschenke zu gewinnen. Am Abend klang der Tag wieder gemütlich bei Anthonys Mom aus. Ich war überwältigt von der Gastfreundschaft und fühlte mich fast schlecht, weil ich so viele Geschenke bekam, und selber nur so wenig zum verschenken hatte. Wir chillten im Schlafanzug und bequemen Klamotten - alles super ungezwungen, so wie ich es mag.

Am Ende des Trips mussten wir zum Glück nicht mehr die 15 Stunden im Auto zurücklegen. Anthony brachte uns netterweise zum Flughafen, dann ging es zurück nach Denver.

Fazit

Weihnachten war insgesamt schöner als erwartet, aber auch ungewohnt intensiv. Bei uns konzentrieren sich die Familienfestivitäten eher auf einen Abend, danach ist das Thema weitgehend abgeschlossen. Hier waren es zwei ganze Tage, teilweise fast von früh bis spät, mit vielen fremden Menschen, Spielen, Essen und Besuchen. Das war zwar berührend, aber sozial auch sehr anstrengend.

  1. Nach 15 Stunden Hinfahrt war der Rückflug Gold wert