Philipp’s Travel Blog
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↑ Etappe von „USA — Auslandssemester in Boulder"

Chicago war meine erste echte Wolkenkratzerstadt: breite Straßen, spiegelnde Fassaden, der Fluss zwischen den Hochhäusern und dieses Gefühl, in einer amerikanischen Filmkulisse zu stehen. Gleichzeitig war die Stadt nicht nur glänzend. Unser billiges Airbnb in Chinatown, die Red Line und eine beinahe eskalierende Situation in der Bahn gaben dem Wochenende eine Schärfe, die ich nicht vergessen werde.

»The Chicago Typewriter« — Prohibition, Al Capone und der Sound einer Tommy Gun hallen in den Straßenschluchten der North und South Side noch immer nach."
  1. Erste echte Skyscraper-Metropole: Loop, Chicago Theatre und Trump Tower
  2. Architektur-Boat-Tour auf dem Chicago River & Willis Tower Skydeck
  3. Prohibitions- & Gangster-Walking-Tour auf den Spuren von Al Capone
  4. Rooftop-Drinks im Pulli mit direktem Blick auf das Jewelers Building
  5. Red Line nach Chinatown: die unangenehmste Bahnfahrt meiner Reise
  6. Deep-Dish-Initiation: eher Quiche als Pizza, aber ein Muss
  7. Solo-Montag: Lincoln Park Zoo, Beach und Ausblick vom John Hancock Center
1 Ort · Route: Flug

Anreise und Chinatown

Während meines Auslandssemesters in Boulder war Chicago der erste richtige Ausflug in eine weit entfernte amerikanische Metropole. Wie kam er zustande? Mein Uni Freund Laurenz. und sein Reisekumpel Max. waren grade zufällig in Amerika und starteten gerade ihre Nordamerika-Tour. Die Zeit und die Anbindung passte perfekt. Ich hatte einen sehr günstigen Frontier-Flug von Denver nach Chicago Midway gefunden.

Unsere Unterkunft lag in Chinatown. Das wichtigste Kriterium war schlicht der Preis: Es war das Günstigste, was wir in der ganzen Stadt gefunden hatten – und kostete trotzdem noch 150 € pro Nacht. Teure USA eben. Das Zimmer selbst wurde später noch zur Anekdote, als mein Bett mitten in der Nacht krachend in sich zusammenbrach. In dem Moment war es nervig, rückblickend aber der passende Running Gag zu diesem Airbnb.

Die unangenehmste Erinnerung an Chinatown ist aber nicht das Bett, sondern die Fahrt mit der Red Line. Wir waren schon fast dort, als plötzlich eine Gruppe junger Männer in den Wagen kam, teils vermummt, laut und mit einer Energie, bei der sich die Stimmung im ganzen Abteil sofort veränderte. Türen wurden aufgestoßen, einige Fahrgäste standen bereits auf, liefen weg oder positionierten sich so, dass sie im Zweifel sofort aussteigen konnten. Dann kamen sie auf uns zu und musterten uns aus nächster Nähe.

Ich weiß natürlich nicht, was genau sie vorhatten. Aber so nah hatte sich ein möglicher Überfall für mich noch nie angefühlt, nicht in Kolumbien und auch sonst nirgendwo auf der Welt. Vielleicht half uns ausgerechnet, dass wir selbst nicht nach lohnendem Ziel aussahen: abgelaufene Sneaker, einfache Kleidung (Shorts & T-Shirt), keine Uhren, Android-Handys, eher müde Backpacker als wohlhabende Touristen. Nach ein paar Sekunden, die sich deutlich länger anfühlten, entschieden sie offenbar, dass wir es nicht wert waren. Sie gingen weiter. Diese kurze Musterung, dieses wortlose Abwägen direkt vor uns, werde ich trotzdem nie vergessen.

Die erste große Skyline

Chicago war für mich die erste Stadt, in der Wolkenkratzer nicht nur einzelne Gebäude waren, sondern eine ganze Umgebung. Der Loop, das historische Chicago Theatre, die hohen Glasfassaden am Fluss und der Trump Tower wirkten deshalb besonders stark auf mich. Alles war größer, dichter und filmischer, als ich es aus europäischen Städten kannte.

An diesem Wochenende fand zufällig das Chicago Street Food Festival im Grant Park statt. Es stand sogar in meinem Reiseführer, also nahmen wir es direkt mit. Dort gab es meine erste Deep-Dish-Pizza. Streng genommen ist das eher eine mächtige Tomaten-Käse-Quiche als Pizza, aber genau deshalb blieb sie hängen. Schwer, fettig, sehr amerikanisch und in diesem Moment genau richtig.

Am Abend trafen wir Andrew, einen Einheimischen, den Laurenz und Max online kennengelernt hatten. Wir besuchten die Cerise Rooftop Bar auf dem Virgin Hotel. Es war Mitte September, aber noch warm genug, um im Pulli und kurzer Hose draußen zu sitzen. Vor uns lagen das Jewelers Building, der Trump Tower und weiter hinten der Willis Tower. Dieser Blick war wahrscheinlich der Moment, in dem Chicago bei mir richtig gezündet hat die Getränke waren auch erstaunlich erschwinglich für US Verhältnisse - Chicago ist vom Preis- Leistungsverhältnis nicht zu unterschätzen!

Auf den Spuren von Al Capone

Am nächsten Tag machten wir eine Free Walking Tour durch die Gangster-Geschichte Chicagos. Es war meine erste Tour dieser Art, und ich mochte das Konzept sofort: Man läuft durch die Stadt, bekommt Geschichten an konkreten Orten erzählt und versteht nebenbei, warum bestimmte Viertel und Straßenzüge eine Bedeutung haben.

Unser Guide erzählte von der Prohibition, von Al Capone, vom illegalen Alkoholhandel und von den Konflikten zwischen North Side und South Side. Besonders im Gedächtnis blieb mir der Begriff „Chicago Typewriter“ für die Tommy Gun. Diese Mischung aus amerikanischer Popkultur, echter Gewaltgeschichte und Stadtmythos passte erstaunlich gut zu Chicago: glänzende Hochhäuser auf der einen Seite, rauere Geschichten darunter.

Nach der Tour liefen wir noch durch die mehrstöckige Starbucks Reserve Roastery auf der Magnificent Mile und holten uns später Abendessen bei Portillo’s. Kein feines Essen, aber eine dieser lokalen Fast-Food-Institutionen, die man auf so einem Trip trotzdem mitnehmen will.

Solo-Montag am See

Am Montag war ich noch allein in der Stadt unterwegs. Ich spazierte durch den Lincoln Park zum kostenlosen Zoo und danach weiter zum North Avenue Beach am Lake Michigan. Dieser See wirkt in Chicago fast wie ein Meer: Strand, Horizont, Wind, Beachvolleyball, und dahinter wieder die Skyline.

Zum Abschluss fuhr ich hoch ins John Hancock Center, genauer gesagt in die Bar statt auf das teure Observation Deck. Bei einem kalten Bier sah ich über die Stadt und den See, während langsam die Lichter angingen. Diese Aussicht hatte etwas Geisterhaftes: unter mir die beleuchteten Straßen, daneben die dunkle Fläche des Lake Michigan, und überall diese leuchtenden Fenster. Nach diesem Wochenende war Chicago für mich keine abstrakte Stadt aus Filmen und Gangster-Geschichten mehr, sondern mein erster echter amerikanischer City-Trip: groß, schön, manchmal angespannt, aber gerade dadurch unvergesslich.