Vier Tage Armenien mit Max, Louis und Basti. Zwischen wuchtiger beton Sowjet-Architektur, Gebäuden im rosa Vulkan-Tuff und mystischen Orthodox-Klöstern offenbart sich ein Land im Spagat: Viele Armenier haben wir bis auf unseren Tourguide nicht kennengelernt. Die Mehrheit der Armenier lebt in der weltweiten Diaspora, Jerewan überaschte mit coolen hippen Bars Jerewans, aber dort vor allem junge Russen die vom Kriegsdienst fliehen und das Stadtbild prägen. Mit dem Dacia Duster durch fünfpurige Chaos-Kreisverkehre, Ehrfurcht vor dem schroffen Mount Ararat und die ausausweichlichen Wasserschlachten wenn Louis und ich aufeinandertreffen.
„Schreib Ararat auf dein Produkt und es wird erfolgreich."
- Khor Virap mit der Kulisse des Mount Ararat & Gregor-Verlies
- Das Höhlenkloster Geghard (in den Fels geschlagen)
- Garni-Tempel & Symphony of Stones
- Persisch-kaukasisches Festmahl (Zereshk Polo, Khorovats & Lavash)
Der 115-Euro-Plan & Das Sitzplatz-Monopoly
Fast ein Jahr lang schlummerte die Idee für Armenien in der Reiseplanung, bis der Flug von Memmingen nach Jerewan für unschlagbare 115 Euro pro Nase gebucht war. Vier Mann, ein Ziel: Der Kaukasus.
Wie immer begann der Trip mit eingespielten Traditionen: Zubringer im Polo zum Allgäu Airport, Rewe-Proviant und die gewohnte „Pennergranate“ (Jackie-Cola/Wodka) zum Einläuten. Nach zäher Security im überfüllten Terminal Memmingen ging es an Bord. Der viereinhalb stündige Wizz-Air-Flug wurde zum sportlichen Tauschgeschäft: Der Algorithmus hatte uns quer über die Kabine verstreut und mich auf den ungeliebten Mittelsitz verfrachtet. Nach gefühlt hundert Verhandlungen saß zwar immer noch einer aus der Gruppe isoliert, aber immerhin hatten wir für alle ein Beinfreiheits-Upgrade herausgehandelt.
In Jerewan gebar die lange Schlange an der Immigration schließlich den Running Gag der Reise – die legendären Radio-Eriwan-Witze:
„Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass Adam und Eva die ersten sozialistischen Menschen waren?“
Radio Eriwan antwortet: „Im Prinzip ja. Sie hatten nichts anzuziehen, lebten nur von dem, was sie sich selbst beschaffen konnten, und hatten keine eigene Wohnung. Trotzdem glaubten sie, im Paradies zu leben…“
„Frage an Radio Eriwan: Kann man den Sozialismus auch in der Wüste einführen?“
Radio Eriwan antwortet: „Im Prinzip ja. Aber nach fünf Jahren müssen wir den Sand rationieren.“
Dacia Duster, Indien-Suburbs & Die Schranken-Wohnung
Signature der Philipp-Planung: Wenn wir reisen, sind wir mobil. Am Flughafen übernahmen wir unseren Dacia Duster für die nächsten vier Tage. Auf den ersten Kilometern vom Flughafen Richtung Stadtzentrum schoss mir sofort ein Gedanke durch den Kopf: Das sieht hier weniger nach Osteuropa aus als nach den Vororten von Indien. Unverputzte, farblose Rohbauten, wilde Stromkabel und eine seltsam zerklüftete Bauweise prägten die Ränder der Stadt.
In Jerewan selbst verwandelte sich der Verkehr in ein farbenfrohes Chaos. Die Kreisverkehre wirkten gefühlt zehnspurig, Vorfahrt wurde eher gefühlt als gewährt. Während die anderen heilfroh waren, nicht am Steuer zu sitzen, genoss ich es wie immer in vollen Zügen, den Duster entspannt durch das Hupen und Drängeln zu steuern.

Unsere Unterkunft übertraf alle Erwartungen: Eine riesige, zentral gelegene Wohnung im Herzen der Stadt mit unschlagbarem Preis-Leistungs-Verhältnis. Einziges amüsantes Nadelöhr war der private Parkplatz, dessen Schranke bei jeder Ein- und Ausfahrt manuell von einem Pförtner geöffnet werden musste. Schon am ersten Abend stolperten wir eher zufällig in die Bar 1320 – ein Volltreffer, der sofort zu unserer nächtlichen Stammbar wurde. Statt Cognac gab es gekühltes Ararat-Bier – obwohl der armenische Weinbrand weltberühmt ist: Selbst Winston Churchill trank laut Legende nach der Jalta-Konferenz täglich eine Flasche armenischen Ararat-Cognac, den ihm Stalin regelmäßig nach London schickte. Unser spätere Tourguide brachte die Bedeutung des Berges auf den Punkt: „Schreib einfach Ararat auf dein Produkt, und es wird erfolgreich sein.“ Der heilige Berg ist im Land als Marke schlichtweg omnipräsent.
Vulkanischer Tuff, Sowjet-Vibes & Die Russen-Diaspora
Der erste volle Tag begrüßte uns mit strömendem Dauerregen – es goss schlichtweg wie aus Kübeln. Nach einem ausgiebigen Kater-Frühstück traten wir trotzdem zur gebuchten Walking Tour an. In einer kleinen Gruppe führte uns eine fantastische Reiseleiterin durch die Stadt und versorgte uns mit geballtem Wissen über die Geschichte des Kaukasus-Staates: Armenien trägt voller Stolz das Erbe, im Jahr 301 n. Chr. das allererste Land der Welt gewesen zu sein, das das Christentum als Staatsreligion einführte – ein wahrer christlicher Outpost. Dazu gehört ein völlig einzigartiges Alphabet mit 36 (heute 39) geschwungenen Buchstaben, das der Mönch Mesrop Maschtoz bereits im Jahr 405 n. Chr. erfand und das bis heute jedes Ortsschild ziert.
Das architektonische Geheimnis Jerewans erklärte sie uns ebenfalls: Das charakteristische rosa und rote Gestein der Fassaden ist vulkanischer Tuff aus der unmittelbaren Umgebung, was der Stadt den Spitznamen „Rosa Stadt“ eingebracht hat.

Zwischen wuchtigen Sowjet-Betonklötzen, barocken Pfeilern und bunten Markthallen (Schobby Schobby) fesselten mich besonders die Chatschkare – kunstvoll in Stein gemeißelte Kreuzsteine an den Straßenrändern, die als UNESCO-Kulturerbe gelten.

Beim Spaziergang vorbei am imposanten Opern- und Balletttheater steuerten wir den berühmten Kaskaden-Komplex (Cascade) an. Die dort aufgestellten üppigen Bronze-Skulpturen von Fernando Botero wirkten im kaukasischen Umfeld fast etwas deplatziert und befremdlich. Schade war nur, dass die Wasserbecken der Kaskaden im Frühjahr noch trocken lagen.


Besonders faszinierend war das emotionale Paradoxon um den Mount Ararat: Er ist das heilige Nationalsymbol der Armenier und laut der Bibel der mythische Landeplatz der Arche Noah nach der Sintflut. Doch der schicksalsträchtige Berg liegt heute gar nicht mehr auf armenischem Gebiet, sondern direkt hinter der streng bewachten, geschlossenen Grenze in der Türkei – von Jerewan aus zwar greifbar nah vor Augen, aber für Armenier unerreichbar.
Neben der Geschichte prägte die Demografie das Straßenbild: Während der Großteil der Armenier weltweit in der Diaspora lebt (weit mehr Armenier wohnen im Ausland als im Mutterland), trafen wir in den hippen Bars Jerewans auf eine ganz andere Gruppe: Unzählige junge Russen, die vor dem Krieg und der Mobilmachung ins armenische Exil geflüchtet waren. Die Abende klangen in der Wohnung mit den gewohnten Ritualen aus: Einer herzhaften Wasserschlacht zwischen Luis und mir.
Das Panorama von Khor Virap & Die Schatten der Geschichte
Am 19. April machten wir uns auf den Weg zum Genozid-Mahnmal Tsitsernakaberd. Die Anlage auf einem Hügel über der Stadt strahlt eine beklemmende Würde aus. Die Geschichte des Völkermords an den Armeniern durch das Osmanische Reich und die bis heute anhaltende türkische Leugnung hinterlassen einen tiefen Eindruck. Überall im Stadtbild sah man zudem die modifizierte Flagge von Bergkarabach (Artsakh). Man spürt förmlich die historische und geopolitische Tragik eines Volkes, das sich geografisch zwischen der Türkei und Aserbaidschan eingequetscht sieht.

Über die Statue der Mutter Armenien (Mayr Hayastan) setzten wir die Fahrt fort – mit dem ChatGPT-Sprachmodus auf dem Smartphone als interaktivem Reisebegleiter im Armaturenbrett. Unterwegs etablierte sich das Spiel „Lada-Sitz“: Jedes Mal, wenn ein klassischer Lada auftauchte, musste gerufen werden. Bei der schieren Masse an sowjetischen Altlasten auf den Straßen gingen uns die Treffer nie aus:
„Frage an Radio Eriwan: Schafft ein klassischer Lada 100 km/h?“
Radio Eriwan antwortet: „Im Prinzip ja. Aber nur einmal – beim Sturz von einer Klippe.“

Das landschaftliche Highlight der gesamten Reise erwartete uns am Kloster Khor Virap. Obwohl der mächtige Mount Ararat tief in Wolken und Nebel gehüllt war, entfaltete die Szenerie eine gewaltige Wucht. Wir kletterten in das enge, unterirdische Verlies hinab, in dem der heilige Gregor der Erleuchter laut Legende 13 Jahre lang gefangen gehalten worden war.

Oben auf dem Hügel, mit dem Kloster im Vordergrund, der erahnbaren Silhouette des Schicksalsbergs Ararat dahinter und dem Bewusstsein für die nahe, geschlossene Grenze zum Iran, entstand ein Moment absoluter Zufriedenheit: Ehrfurcht vor der Geschichte und pure Freude darüber, diesen abgelegenen Ort gemeinsam mit den besten Freunden zu erleben. Zeit für Anrufe bei der Familie zu Hause. Der Tag schloss mit einem üppigen Festmahl voller armenischer Grill-Spezialitäten.
Römische Tempel, Steilhänge & Das Höhlenkloster Geghard
Der nächste Tag gehörte der klassischen Ost-Route. Erster Stopp war der Bogen von Charents (Charents Arch), wo sich bei kurzem Sonnenschein im T-Shirt der Blick über die weite, schroffe Hochebene öffnete. Weiter ging es zum Tempel von Garni: Ein heidnisch-römischer Tempel mitten im Kaukasus, der die Sowjetzeit makellos überdauert hat – ein absoluter Mindblower im Stadtbild.

Direkt unterhalb von Garni wanderten wir in die Schlucht zur Symphony of Stones. Die gigantischen, hexagonalen Basaltsäulen, die wie Orgelpfeifen von den Steilwänden hängen, wirkten fast surreal.
Die Weiterfahrt verlangte dem Dacia Duster alles ab. In einem kleinen Bergdorf stand plötzlich ein Schild am Straßenrand: 50 % Steigung! Angesichts unzähliger alter Ladas, die am Hang lehnten, kapitulierte ich als Fahrer vor dieser Wand – das war mir selbst im Duster zu wild. Wir drehten um und steuerten direkt mein persönliches Lieblingsziel an: Das Kloster Geghard. Direkt in die nackte Felswand geschlagen, dunkel, kaukasisch-orthodox und von Weihrauch durchzogen – genau die mystische Atmosphäre, die man sich unter einem Kaukasus-Kloster vorstellt. Auf dem Rückweg kehrten wir in einem traditionellen Bäckerei-Restaurant ein, wo frisches Lavash-Brot direkt vor unseren Augen im glühenden Tonofen gebacken wurde.
Das Müllhalden-Debakel & Das persische Festmahl
Auf dem Heimweg schlug die Stunde von Google Maps. Wir vertrauten der Navigations-App etwas zu blind und bogen auf eine Abkürzung ab, die sich schnell in eine üble Schotterpiste verwandelte. Ehe wir uns versahen, standen wir mit dem Dacia Duster mitten auf einer abgelegenen Müllhalde im Nirgendwo. Die Situation war extrem absurd und lustig, aber aus Sorge um den Unterboden des Mietwagens brachen wir das Offroad-Abenteuer schließlich ab und wendeten im Dreck.
Den letzten Abend feierten wir mit einem imposanten persisch-kaukasischen Festmahl in Jerewan. Auf den Tisch kamen duftender Zereshk Polo (Persischer Safran-Reis mit roten Berberitzen), knuspriges Khachapuri Adjaruli (Käsebrot in Schiffchenform mit flüssiger Butter und Ei), deftige Khorovats-Hackfleischspieße auf dünnem Lavash, in Weinblätter gewickelte Tolma, kräuterreiches Zhingyalov Hats und frische, rubinrote Granatäpfel.

Rückblickend war Armenien die perfekte Crew-Reise. Die Aufteilung war klar: Ich war zu 100 Prozent der Planer, Fahrer und Organisator. Max saß zu 90 Prozent entspannt im Rucksack und schaute höchstens alibimäßig auf die Restaurant-Karte. Basti genoss als ruhiger Pol das Essen und die Landschaft. Und Luis saß zu 100 Prozent im Rucksack, ließ sich treiben, veranstaltete Wasserschlachten und sabotierte die Disziplin auf die bestmögliche Kumpel-Art. Vier Tage Kaukasus, die bewiesen haben: Wenn die Chemie stimmt, wird selbst eine Müllhalde im Dacia Duster zur unvergesslichen Erinnerung.
- Strömender Dauerregen am ersten Tag bei der Walking Tour
- Sitzplatz-Monopoly und Mittelsitz-Los im Wizz-Air-Flieger
- Google-Maps-Navigation mitten in eine Offroad-Müllhalde
- Komplett wolkenfreier Blick auf den Gipfel des Mount Ararat
- Wasserspiele am Kaskaden-Komplex (im Frühjahr noch trocken)
Armenien
Im Atlas öffnenMein erstes Mal im Kaukasus. Jerewan ist eine faszinierende Mischung aus Sowjetbauten, vulkanischem Tuffstein, lebendiger Bar-Kultur und geopolitischer Schwere. Mit dem Mietwagen extrem mobil, auch wenn manche Bergstraßen 50 % Steigung verlangen.
„Frage an Radio Eriwan: „Schafft der Lada 100 km/h?“ Antwort: „Im Prinzip ja. Aber nur einmal.“"
- Jerewan Basis. Republic Square, Cascade, Bar 1320, Persisches Abendessen.
- Tsitsernakaberd Genozid-Mahnmal mit beklemmender Geschichte und Panoramablick.
- Khor Virap Kloster mit Ararat-Panorama & unterirdischem Verlies des heiligen Gregor.
- Bogen von Charents Aussichtsbogen über die Ebene vor den Bergen.
- Garni Römisch-heidnischer Tempel mitten im Kaukasus.
- Symphony of Stones Gigantische Basaltsäulen-Schlucht direkt unterhalb von Garni.
- Geghard Mystisches Höhlenkloster, direkt in den Fels gehauen (UNESCO).